Arschloch-Kreuzzug gegen die Angst!

Angst, was ist das eigentlich für ein Scheiss?! Angst ist für mich ein Wort, ein Zustand aber nichts greifbares gegen das ich kämpfen kann. Meine Angst brauchte einen Namen und so taufte ich sie auf den klangvollen Namen „Arschloch“. Arschloch war aber nicht alleine sondern hatte mit der Zeit viele Arschlochkinder bekommen, die Arschloch bei Bedarf mit den jeweils passenden Namen auf die Reise schickte.

Ängste werden uns schon bei unserer Geburt mit auf die Lebensreise gegeben. Sie sind klein, entwickeln sich und verschwinden auch wieder mit den Entwicklungsphasen in unserem Leben. Unser Gehirn versteht irgendwann wie wir mit welcher Angst umgehen können. Ich habe die Ängste meiner KIndheit überlebt, auch die Ängste in meiner Jugend und die im jungen Erwachsenenalter, denn mir war klar das ich selbst es bin, die sich diese Ängste auferlegt. Irgendwann wurde ich mit den Ängsten einer Mutter konfrontiert. Das fühlte sich für mich ganz anders an als all die Ängste vorher, sie waren so wahnsinnig emotional. All die Ängste sind gut und wichtig um geschützt durch das Leben zu kommen. Sie geben uns Kraft, Intuition und Willensstärke.

Aber es gibt Ängste die übermächtig werden.

Irgendwann trat Arschloch in mein Leben. Arschloch ist eine Angst die jemand sprichwörtlich in mich hinein geprügelt hat. Sie schmerzt und zerstört die Seele. Nie zuvor in meinem Leben hätte ich es je für möglich gehalten, dass ausgerechnet ich vor lauter Angst nicht mehr selbstbestimmt leben kann. Diese Angst hat mich gelähmt und unfähig gemacht auch nur ganz leise um Hilfe zu rufen. Es kam der Tag an dem mir bewusst wurde, dass es lebensgefährlich wäre wenn ich nicht jetzt sofort aus dieser verdammten Angst ausbrechen würde. Einzig der Gedanke daran das mein Kind nur mich hat und verdammt nochmal glücklich sein soll, gab mir Kraft in einem Bruchteil von unbeobachteten Sekunden meine Freunde anzurufen und ganz leise ins Telefon zu flüstern: „Kommt uns ganz schnell holen“ Arschloch war so übermächtig, dass ich mich nicht getraut habe sofort die Polizei zu rufen. Unfassbar wie sehr mich die Angst gelähmt hatte.

Meine Freunde kamen, wir stiegen ins Auto und in diesem Moment fiel meine Fassade. Unfähig etwas zu sagen, brach ich auf dem Rücksitz zusammen. Ich weinte alle Tränen die sich in den letzten anderthalb Jahren angesammelt hatten. Meine Tochter wischte die Tränen mit ihren kleinen Händen weg und sagte: “ Mama, es ist vorbei. Ich passe auf Dich auf “ Schlagartig hörte ich auf zu weinen denn mir wurde klar, dass ich diejenige sein muss die aufpasst, nicht andersrum. Diese Bürde durfte meine Tochter nicht auf sich nehmen. Die Tränen die ich weinte, sollten für viele Jahre die letzten sein. Mein Kampf gegen Arschloch hatte begonnen. Zu Hause bei meinen Freunden riefen wir die Polizei. Noch einmal musste ich alles erzählen, noch einmal musste ich innerlich sterben um das was in den letzten anderthalb Jahren geschehen war, zu begraben. Mir war klar dass die kommende Zeit die härteste Zeit meines Lebens werden würde. Ich habe nicht nur die Hölle erlebt und überlebt, sondern auch die erniedrigende Zerfetzung meiner Seele ertragen müssen. Jede Faser meines auf mittlerweile 45 KG reduzierten Körpers schmerzte, aber das geht vorbei. Die Hämatome verschwinden und die Schwellungen gehen zurück…aber die Seele…ich hatte keine Ahnung wie ich das wieder hinbekommen sollte. Ich spürte wie Arschloch anfing viele kleine Arschlochkinder, gegen mich in den Kampf zu schicken.

Willkommen auf Deinem persönlichen Schlachtfeld Jenny!

Ich entschied mich dafür ab sofort unverwundbar und nach aussen hin eiskalt zu werden. Die einzigen Emotionen die ich bedingungslos zuließ, waren die Liebe, die Wut, die Verzweiflung, die Freude und die Traurigkeit meines Kindes. Eine zeitlang war ich nicht dazu fähig auch nur irgend etwas anzupacken. Ich verharrte in meiner Schockstarre denn es waren zu viele Trümmerhaufen auf meinem Schlachtfeld. Wenn die Maus im Kindergarten war, saß ich stundenlang auf dem Sofa und habe darüber nachgedacht, was alles erledigt werden muss. Nach aussen gab ich mich Stark und strahlte Selbstbewusstein für eine ganze Mannschaft aus. Tatsächlich war ich aber handlungsunfähig, denn alles was zu erledigen war, würde das Erlebte immer und immer wieder hoch holen. Dafür fehlte mir einfach die Kraft. Ich blickte auf mein Schlachtfeld und sah wie Arschloch eine Armee von Arschlochkindern um sich herum aufbaute und sie griffen an.

Wieder war es meine Tochter die mir die Kraft gab, endlich damit anzufangen aus dieser Armee aus Ängsten einen blutigen Haufen Abfall zu  machen. Das wichtigste für mich war, zunächst unsere äusseren Lebensumstände in Ordnung zu bringen. Wohnung, Job, soziales Umfeld. Ziele setzen und Träume -zumindest die meiner Tochter- erfüllen. Wohnung hatten wir, kein Ort zum Wohlfühlen aber eine Zuflucht. Ich richtete sie so gemütlich wie möglich ein. Ich fing an Bewerbungen zu schreiben und bekam zunächst eine Absage nach der anderen. Doch eines Tages kam ein Anruf mit der Einladung zu einem Vorstellungsgespräch.

Ich wusste es ist DIE Chance!

Lange überlegte ich, ob ich ehrlich und offensiv mit meiner Situation umgehen sollte. Mir war ja bewusst, dass ich schon aufgrund meines Familienstands -alleinerziehend mit Kind- nicht unbedingt die erste Wahl bin. Wenn der potentielle Arbeitgeber aber auch noch so eine Geschichte hört und es im Prinzip auch klar ist, das Konsequenzen wie Pfändungen etc. ins Haus flattern werden…wofür soll er sich da entscheiden? Pest oder Cholera?!  Ich entschied mich für „Friss oder stirb“ . Ich werde niemanden belügen um ihn oder sie davor zu bewahren, peinlich berührt oder geschockt zu sein. Es ging um meine Zukunft und ich schämte mich nicht für mein Leben. Schämen müssen sich übrigens diejenigen, die wegschauen und nicht eingreifen!

Das Vorstellungsgespräch verlief gut. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und erzählte meinem freundlichen Gegenüber einige Sequenzen meiner Geschichte. Genau soviel um die eventuell noch folgenden Konsequenzen zu erklären. Sichtlich erschrocken über meine Kurzbiografie aber wie mir schien auch nicht abgeschreckt, verabschiedete er mich mit den üblichen Worten “ Wir melden uns „

Nach etwas mehr als einer Woche klingelte mein Handy während ich einkaufen war. Die Stimme am anderen Ende teilte mir mit, dass ich die Stelle habe. Ich glaube dieser Mensch, der ab jetzt mein Chef war, hatte überhaupt keine Ahnung, dass genau er der Krieger war den ich in genau diesem Moment brauchte.

In meiner Arschlochkinderarmee explodierte eine Bombe. Ich stand mitten im Supermarkt und applaudierte laut gröhlend beim imaginären Anblick, wie viele kleine Arschlochkinder einen blutigen Tod starben. Arschloch fing mächtig an zu schwanken und war geschwächt. Den ersten Sieg in dieser Schlacht hatte ich in der Tasche. Ich richtete mein Schutzschild und war bereit für den nächsten Schritt.

Das Gefühl wie es ist, eine Knarre am Kopf zu haben kann man nur nachempfinden wenn man es erlebt hat. Aber das Gefühl wie es ist wenn man plötzlich die Knarre nimmt und den Lauf einfach umdreht, das kann sich wohl jeder vorstellen.

Ich ziehe weiter, mit neuen Waffen auf meinem Kreuzzug gegen Arschloch. Die größte Waffe die ich habe, ist der Glaube an mich selbst und meine eigene Kraft.

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